Dienstag, 13. November 2012

Weshalb der Pico de Teide unbezwingbar ist

Pico de Teide vom Guajara

Als Hardcore-Bergwanderer muss man den Pico de Teide besteigen, sofern man auf Teneriffa unterwegs ist. Und natürlich nimmt man nicht die Seilbahn und latscht die 160 Meter auf den Gipfel und wieder runter. Nein, vom Parkplatz TF-21 aus muss es sein! Und bekanntermaßen benötigt man für die Besteigung des höchsten Berges Spaniens und des dritthöchsten Inselvulkans der Welt eine Genehmigung, die man sich angeblich kostenlos im Internet besorgen kann. Das hat sich die spanische Bürokratie ausgedacht, um den Besucherandrang zu begrenzen - damit nicht jeder von der Bergstation auf den Gipfel latscht und seinen Müll hinterläßt. Die Genehmigung, das Permit, muss man den Rangern vorlegen, die das Ganze in der Nähe der Bergstation auf 3555 Metern Höhe kontrollieren, die Besteigungserlaubnis gilt jeweils für ein Zeitfenster von zwei Stunden. Es sei denn, man übernachtet auf der Altavista-Hütte in etwa 3200 Metern und hat den Gipfelbereich vor neun Uhr morgens wieder verlassen - dann braucht man keinerlei Genehmigung. Großartig soll der Sonnenaufgang auf dem gewaltigen Kegel übrigens sein.
Sehr schön, dachte ich, wir kommen am 3. November an, nach ein wenig Akklimatisieren wählen wir für die Besteigung den 6. November. Doch sämtliche freie Plätze waren über Wochen im Voraus ausgebucht. Ich las also das Kleingedruckte auf der Website des Nationalparks: Menschen, die beruflich auf den Teide steigen wollen, brauchen keine Genehmigung, sondern können eine Sondergenehmigung beantragen. "Richtig, ich bin Journalist und Autor der "Wanderbibel", ich bin beruflich unterwegs!" Also schickte ich ein Fax mit Personal- und Presseausweis an die angegebene Nummer und eine Mail hinterher. Auf eine Antwort warte ich noch heute. Dafür weiß ich inzwischen, weshalb Otto-Normal-Tourist nicht in der Lage ist, freie Plätze via Netz zu ergattern. Die 150 Permits pro Tag werden von professionellen Wanderführern gebunkert und für teuer Geld verkauft, indem sie Touristen auf den Gipfel bugsieren.
"Wir klären das Ganze vor Ort", sagte ich zu Anja und zuckte die Schultern. Am 4. November machten wir eine prächtige Wanderung, am 5. November machten wir eine prächtige Wanderung, am 6. November schüttete es auf der ganzen Insel. In Puerto de la Cruz kamen binnen 24 Stunden 120 Liter Wasser herunter. Ich habe die Orkane Wiebke und Vivian verschlafen und mich am nächsten Morgen über die vielen umgefallenen Bäume gewundert, aber dieses Unwetter hielt mich die halbe Nacht wach. Zwischendurch erwogen wir, auf der Hütte zu übernachten, um früh morgens auf den Teide zu steigen. Doch eine der beiden im Rother-Wanderführer genannten Telefonnummern war notorisch besetzt, bei der anderen dudelte endlos Musik. Die Variante "Hütte" schied somit auch aus.
Am 6. November saßen wir in einem Café und flanierten während der sehr kurzen Regenpausen. Ein paar Meter vom Hotel entfernt quatschte uns Yessica an, ein Belgierin, allerhand Sprachen mächtig. Sie leierte reichlich Touristennepp herunter. "Äh, danke, brauchen wir alles nicht", sagte ich skeptisch, aber geduldig, denn einerseits kann ich es nicht leiden, geneppt zu werden, andererseits hatten wir nichts zu tun. Ob sie denn auch den Teide im Programm habe? Flugs zog sie eine Broschüre hervor: Gleich Morgen könnten wir mit der Firma soundso inclusive Anreise per Bus und Brotzeit, jedoch exklusive Seilbahn, den Teide bezwingen. "Morgen nicht, da soll das Wetter noch schlecht sein", sagte ich, um Yessica abzuwimmeln. Wieder klappte Yessica ihr Handy auf; die Firma "Wanderstab" sollte es richten: Am Freitag seien noch Plätze frei, verriet sie uns nach einem schnellen Handytelefonat auf Spanisch. Okay, von mir aus, ich will den "Bergführer" aber vorher kennenlernen. Vorsichtshalber. Obwohl mir Yessica zunehmend sympathisch und seriös erschien. Wir verabredeten uns im Café nebenan für 17 Uhr. Tatsächlich kam Jörg samt Partnerin Marion. Na denne, das Ganze schien keine Haken zu haben, auch wenn Jörg allerlei Unfug über das Wetter referierte. "Der muss halt Eindruck schinden", sagte Anja, "der kann ja nicht ahnen, was wir alles auf dem Buckel haben." Wir bezahlten bei Yessica 100 Euro, sie notierte unsere Ausweisdaten für die Permits und hatten eine Verabredung mit Jörg und seinem "Wanderstab" für unseren letzten Ferientag. Der "Bergführer" wollte uns mit sieben anderen Touristen an unserem Hotel abholen und mit Aufstiegshilfe (=Seilbahn) auf den Gipfel lotsen.
Weil der Rother-Wanderführer den Nachbargipfel Pico de Viejo lobte und Anja ihren letzten großen Berg am 18. Juli bestiegen hatte (den Mönch), akklimatisierten wir uns vor dem großen Teide (3718 m) am kleinen Viejo (3134 m). Dazu ein andermal mehr. Kaum saßen wir leicht erschöpft am Nachmittag wieder im Auto und hatten das Funkloch rund um den Vulkan verlassen, klingelte das Handy. Jörg rief an, vier Leute seien ihm krankheitshalber abgesprungen, er habe sämtliche neun Plätze, alle neun Permits gecancelt, somit auch unsere. Umständlich erklärte er mir, weshalb er das tun musste: Die spanische Bürokratie undsoweiter. Ich erklärte ihm, dass ich 'not amused' sei, schließlich hatten wir einen Vertrag. Es würde jedoch alles wieder gut werden, wenn er uns wenigstens die Permits "reaktivieren" könne, hochsteigen konnten wir auch allein. Herr Jörg (ich war schnell wieder per Sie mit ihm) bekam keine Permits mehr, denn 19 Stunden vor der Besteigung geht rein gar nichts mehr, obwohl neun Plätze auf der entsprechenden Website als "frei" angegeben waren. "Nicht sehr intelligent, gleich alle Plätze zu stornieren und vor allem unzuverlässig", grummelte ich zu Anja, "den Laden können wir nicht empfehlen. Den Wanderstab kann er sich sonstwohin."
Auf dem Heimweg ließen wir uns von Yessica die hundert Euro erstatten. "Nein, das gibt es nicht!", sagte sie, ernsthaft besorgt um ihr gutes Image, das könne sie alles nicht glauben. Sie zückte ihr Handy, telefonierte wieder wortreich und gab uns eine Nummer, die mir verdächtig bekannt vorkam: "Dort ruft Ihr um halb neun Uhr an und erklärt, was passiert ist, dann bekommt Ihr noch das Permit für elf Uhr. Da wart Ihr ja schließlich gebucht." Am 9. November um 8.30 Uhr rief ich an: "Sprechen sie deutsch?" "No". "Do you speak english?" "No."
Für den Notfall hatte uns Yessica um neun Uhr einbestellt: "Wie bitte, die sprechen dort oben nur Spanisch???" Sie hatte uns die Telefonnummer gegeben, mit der man sowohl die Seilbahn als auch die Ranger und auch noch die Altavista-Hütte erreicht.Yessica ließ sich meinen Presse- und meinen PEN-Ausweis geben und telefonierte wie weiland Buchbinder Wanninger von Pontius zu Pilatus. Nichts: Die neun Plätze waren zwar frei, sie durften aber unter gar keinen Umständen vergeben werden. Nie und nimmer, es gelte die 19-Stunden-Regel, basta! Yessica hatte indessen zwanzig Minuten lang immer verzweifelter telefoniert und null Umsatz gemacht. Wahrscheinlich ist sie aus Verzweiflung inzwischen zurück nach Belgien, denn sie konnte auch partout nicht verstehen, dass spanische Sesselfurzer einen mehr oder weniger namhaften Autor im Regen stehen lassen und eine schlechte Berichterstattung riskieren.
Als ich übrigens einem Kollegen die Geschichte erzählte, lächelte er müde: Vor zwei Jahren stand er samt Gattin ohne Permit auf dem Teide. Sie hatten nicht die Seilbahn genommen und hatten oben angekommen einen dicklichen und verschlafenen Ranger einfach weiträumig umgangen. Nix mit ein paar hundert Euro Strafe, falls man erwischt wird.

Fazit: Versucht es "illegal", die Spanier wollen es nicht anders.
Und wenn Ihr in Puerto de la Cruz seid und unterwegs zwischen dem Hotel Blue Sea Interpalace und dem Supermarkt in westlicher Richtung, dann schaut Euch nach Yessica um, die jeden Touristen anquatscht. Sie versucht garantiert, alle Eure touristischen Wünsche zu erfüllen. Wohlgemerkt versucht.

Kommentare:

  1. Hallo Matthias, wir haben am 16. Oktober 2012 den Teide von dem Parkplatz bestiegen. Die Erlaubnis haben wir schon im Juni per Internet kostenlos und ohne irgendein Problem bekommen. Du kannst meinen dreiteiligen Bericht in meinem Blog lesen, musst nur ein bisschen zurückblaettern: www.reistdiemaus.blogspot.de
    Gruss aus Budapest

    AntwortenLöschen
  2. Hallo Matthias, wenn wir das gewusst hätten. Wir sind vor einigen Jahren auf den Teide gewandert - hatten allerdings kein Permit für den Gipfel und haben uns nicht am Ranger vorbeigetraut. Sieht so aus, als hätten wir es doch wagen sollen, wenn es ohne hin nicht so einfach ist an ein Permit zu kommen. Wir hatten es damals schlichtweg verpennt, uns eins zu besorgen - und dachten, das machen wir dann halt beim nächsten Mal.
    Viele Grüße aus der Schweiz

    AntwortenLöschen